Erst im Oktober vergangenen Jahres hatte ich meinen LAPL in der Tasche. Keine zwölf Monate später stand bereits das nächste große fliegerische Abenteuer an: mein erster Alpenfluglehrgang. Am Mittwoch, dem 29. Juli 2026, starteten wir mit drei Flugzeugen von Varrelbusch und 16 weiteren Fliegern aus ganz Niedersachsen in Richtung Süden. Hinter uns lagen die norddeutsche Tiefebene und der vertraute, angenehm weit entfernte Horizont. Vor uns lagen die Alpen – und damit eine völlig neue Art des Fliegens. Der eigentliche Lehrgang fand von Donnerstag bis Samstag statt, am Sonntag ging es für alle wieder zurück zu den Heimatflugplätzen. Drei Ausbildungstage klingen zunächst überschaubar. Tatsächlich passten in diese kurze Zeit aber so viele Eindrücke, Flugstunden und Erlebnisse, dass man anschließend problemlos mehrere Wochen davon erzählen könnte.







Geflogen wurde meistens in kleinen Teams aus zwei Piloten und einem Fluglehrer. Die Zusammensetzung war bunt gemischt: Einige hatten bereits mehrfach am Alpenfluglehrgang teilgenommen und bewegten sich zwischen den Bergen entsprechend routiniert. Andere gehörten – wie ich – zur Fraktion „Lizenz noch fast druckfrisch“. Genau diese Mischung machte den Lehrgang besonders interessant. Die Erfahrenen konnten ihr Wissen vertiefen, während wir Neulinge zunächst lernen mussten, dass ein Berg im Cockpit deutlich größer wirkt als auf der ICAO-Karte. Jeder Flugtag begann lange vor dem Anlassen des Motors. In den einzelnen Teams wurden gemeinsam mit dem Fluglehrer mögliche Routen ausgearbeitet und ausführlich besprochen. Dazu gehörten selbstverständlich ein gründliches Wetterbriefing, die aktuellen NOTAMs und eine genaue Beschäftigung mit der Topografie. Gerade in den Alpen reicht es nicht, lediglich eine Linie von A nach B zu zeichnen. Windrichtung, Wolkenentwicklung, Talverläufe, Geländehöhen und mögliche Ausweichrouten müssen zusammenpassen.
Während der Flüge zeigte sich dann, warum die Unterstützung durch erfahrene Fluglehrer so wertvoll ist. Wir beschäftigten uns mit Auf- und Abwinden, Umkehrkurven, Kurzstarts und Kurzlandungen sowie der richtigen Positionierung innerhalb eines Tals und beim Überfliegen von Pässen. Hinzu kam die Gewöhnung an das Fliegen in unmittelbarer Nähe zum Gelände. Dabei ging es selbstverständlich nicht darum, möglichst dicht an einen Berg heranzufliegen. Entscheidend waren das Verständnis der besonderen Bedingungen, eine vorausschauende Flugwegplanung und die Fähigkeit, jederzeit eine sichere Alternative zu haben. Gerade die Umkehrkurve wurde deshalb nicht nur theoretisch besprochen, sondern praktisch geübt. Wer in ein Tal hineinfliegt, muss schon vorher wissen, wo und unter welchen Bedingungen er wieder umkehren kann. Der erste Ausbildungstag führte uns zunächst nach Zell am See. Schon dieser Flug war für mich etwas Besonderes. Täler, Berghänge, Seen und Gipfel aus dem Cockpit zu erleben, ist kaum mit dem Fliegen über flachem Gelände zu vergleichen. Anschließend ging es weiter nach Italien, zum Flugplatz Asiago. Dort begann mein persönliches Highlight des gesamten Lehrgangs – allerdings zunächst mit einer Wetterverschlechterung.
Nach unserer Landung zogen Wolken auf, und die Alpen machten zunehmend dicht. Der geplante Rückflug durch die Berge war damit keine vernünftige Option mehr. Gemeinsam entschieden wir, kein Risiko einzugehen. Diese Entscheidung war schnell getroffen: Die Berge würden schließlich auch am nächsten Tag noch da sein. Statt zurück nach Norden zu fliegen, planten wir eine sichere Alternative in Richtung Süden. Und wenn man schon einmal in Norditalien steht und die Alpen den Heimweg versperren, liegt ein Ziel besonders nahe: Venedig.
Also wurden Wetter, Route und Lufträume erneut geprüft, der nächste Streckenabschnitt vorbereitet und kurz darauf ging es weiter in Richtung Lagune. Dass weder Zahnbürste noch frisches T-Shirt an Bord waren, erwies sich als lösbares Problem. Schließlich soll Italien über Geschäfte verfügen. Ein passendes Italien-T-Shirt war jedenfalls schnell gefunden und wurde kurzerhand zur offiziellen Uniform unseres ungeplanten Kurzurlaubs. So wurde aus einer wetterbedingten Planänderung eine Übernachtung in Venedig. Wir verbrachten einen tollen Abend und ließen den ungeplanten Zwischenstopp entspannt ausklingen. Am nächsten Tag führte uns der Weg über die Schweiz zurück. Innerhalb von drei Tagen waren wir damit in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz unterwegs gewesen. Vier Länder in drei Tagen – für meinen ersten Alpenfluglehrgang war das eine bemerkenswerte Bilanz. Und vermutlich auch der einzige Kurzurlaub meines Lebens, bei dem die Packliste erst nach der Landung erstellt wurde.
Am Abend kamen alle Teilnehmer wieder zusammen. Beim gemeinsamen Essen hatte jedes Team seine eigene Geschichte zu erzählen. Keine Route war exakt wie die andere, und genau darin lag ein großer Teil des Reizes. Jeder Flug wurde an Erfahrung, Wetter und Ausbildungsziel der jeweiligen Besatzung angepasst. Für mich war der Lehrgang ein voller Erfolg. Ich habe nicht nur viel über das Fliegen im Gebirge gelernt, sondern auch darüber, wie wichtig Flexibilität und klare Entscheidungen sind. Unser ungeplanter Abstecher nach Venedig war dafür das beste Beispiel: Nicht an einem ursprünglichen Plan festzuhalten, sondern rechtzeitig eine sichere und zugleich ziemlich attraktive Alternative zu wählen, gehört ebenfalls zu guter Fliegerei.
Mein großer Dank gilt den Fluglehrern, den Organisatoren und der gesamten Truppe. Der Lehrgang war hervorragend organisiert, fachlich lehrreich und menschlich mindestens ebenso wertvoll. Aus fliegerischer Ausbildung, gemeinsamer Planung und jeder Menge besonderer Erlebnisse entstand eine Woche, die lange in Erinnerung bleiben wird.
Mein Fazit nach dem ersten Alpenfluglehrgang ist deshalb eindeutig: nächstes Jahr sehr gerne wieder. Dann vielleicht sogar mit Zahnbürste im Handgepäck.
Teresa Kalvelage, LSV Cloppenburg
